Das Krampfaderleiden ist eine Volkskrankheit

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2. Oktober 2020

Mythen und Fakten über die verschiedenen Behandlungsmethoden: Was hilft am besten bei Besenreisern und Krampfadern?

Von Stützstrümpfen über die Operation in Vollnarkose bis hin zur ambulanten Sklerosierung – zahlreiche Mittel und Methoden versprechen Hilfe bei Besenreisern und Krampfadern. Einige davon sind schmerzhafter und aufwendiger, andere schonend und nebenwirkungsarm. Auch die Erfolgsaussichten unterscheiden sich laut Wissenschaft. Entsprechend schwer fällt es Betroffenen oft, sich für eine Behandlung zu entscheiden – zumal neben der Fülle an Informationen viele Vorurteile und Irrtümer kursieren. Grund genug, verbreitete Mythen durch fundierte Fakten zu ersetzen. Die wichtigste Information vorweg: Insbesondere die Sklerotherapie hat sich als minimal-invasives Verfahren in Studien als schonend, sicher und effektiv erwiesen.

Mythos: Kompressionsstrümpfe und Venenmittel zum Einnehmen sorgen für schöne und gesunde Beine.

Fakt ist: Die konservativen Behandlungsmethoden lindern lediglich Beschwerden wie Schwellungen und Schmerzen.

Bei Venenschwächen ist die Kompression mittels Kompressionsstrümpfen ein wichtiger Eckpfeiler der Behandlung und ergänzt überdies oft andere Verfahren, indem Strümpfe oft nach der Therapie noch für einige Zeit lang getragen werden sollen. Die Kompressionsstrümpfe üben einen mehr oder weniger starken Druck auf die Beinvenen aus und verhindern so, dass diese sich ausdehnen und Blut im umgebenden Gewebe versackt. Das kann besonders bei langem Stehen und Sitzen hilfreich sein, da die Kompression müden, schweren, geschwollenen Beinen und der Entstehung von Krampfadern vorbeugt. Sind die Venen bereits geschädigt, können Kompressionsstrümpfe diese Entwicklung nicht rückgängig machen, sondern allenfalls das Voranschreiten der Erkrankung verzögern. Sobald man die Strümpfe wieder weglässt, kommen allerdings die Beschwerden und die meisten Krampfadern wieder zum Vorschein. Gleiches gilt für Venenmittel zum Einnehmen: Diese so genannten Ödemprotektiva enthalten unter anderem pflanzliche Wirkstoffe wie Rutin oder Troxerutin und können mit Besenreisern und Krampfadern einhergehende Beinbeschwerden wie Schwellungen und schwere Beine vorübergehend lindern, aber die Ursachen nicht beseitigen.

 

Mythos: Die operative Entfernung von Krampfadern ist die Methode der Wahl.

Fakt ist: Verfahren wie Stripping und Crossektomie sind gerade für ältere und gesundheitlich beeinträchtigte Patienten belastend.

Große Krampfadern werden hierzulande noch immer häufig operiert – obwohl es minimal-invasive Alternativmethoden gibt, die die Operation in anderen Ländern schon längst überholt haben. Beim „Stripping“ wird die betroffene Vene über einen Schnitt komplett herausgezogen, nachdem sie zuvor mittels „Crossektomie“ von der Hauptvene abgetrennt wurde. Dies erfordert eine Betäubung oder sogar Vollnarkose und geht in vielen Fällen mit einem Krankenhausaufenthalt und einer ein- bis zweiwöchigen Krankschreibung einher. Überdies kann es wie bei allen chirurgischen Eingriffen zu Nebenwirkungen der Narkose, Schmerzen, Wundheilungsstörungen und anderen Beeinträchtigungen kommen. Besonders Patienten in höherem Alter oder mit Vorerkrankungen möchten eine operative Krampfaderentfernung daher meist eher meiden. Weniger belastend ist die Phlebektomie, bei der die kranke Vene unter lokaler Betäubung mit einem speziellen Häkchen an mehreren Stellen peu à peu herausgezogen wird. Sie ist jedoch nur für kleinere Krampfadern geeignet. Ganz neu ist die extraluminale Valvuloplastie: Sie setzt als einzige Behandlung auf die Reparatur und den Erhalt der Vene, indem sie die Funktion der Venenklappen wiederherzustellen versucht. Zum Glück gibt es heutzutage weniger invasive Behandlungsmethoden wie die endovenösen thermischen Verfahren und die Schaum-Sklerotherapie, die ebenfalls hohe Erfolgsraten aufweisen.

 

Mythos: Die Kochsalzmethode hat als natürliches Verfahren keine Nebenwirkungen.

Fakt ist: Die Injektion von Kochsalz kann das Elektrolyt-Gleichgewicht stören, Schmerzen und Gewebeschäden verursachen.

Bei der Kochsalzmethode wird eine hochkonzentrierte Kochsalzlösung in die kranken Venen gespritzt, um diese zu zerstören. Wissenschaftlich ist die Kochsalzmethode nicht anerkannt und insbesondere für die Wirksamkeit bei größeren Krampfadern gibt es keine Belege. Befürworter argumentieren, dass die Behandlung schonend und natürlich sei, da Kochsalz auch im Körper vorkomme. Tatsächlich kann von außen zugeführtes Kochsalz in größeren Mengen – wie bei Krampfadern üblich – das Elektrolyt-Gleichgewicht verschieben und beispielsweise das Herz-Kreislauf-System beeinträchtigen und zu ernsten Komplikationen führen. Während und nach der Injektion der Kochsalzlösung kann es darüber hinaus zu minutenlangen Schmerzen und Muskelkrämpfen kommen. Gewebeschäden und Geschwüre im Behandlungsareal treten ebenfalls häufiger auf als bei anderen Methoden. Die Kochsalzmethode wird daher in den medizinischen Leitlinien zur Behandlung von Besenreisern und Krampfadern nicht erwähnt oder gar empfohlen.

 

Mythos: Die Laser- und Radiofrequenztherapie eignen sich für alle Krampfader-Formen.

Fakt ist: Endovenöse thermische Verfahren müssen in der Regel mit anderen Behandlungsmethoden kombiniert werden.

Anders als bei Operationen werden Krampfadern bei den endovenösen thermischen Verfahren nicht herausgezogen, sondern mittels Laserstrahlen oder Radiowellen von innen so stark erhitzt, dass sie zerstört werden und sich verschließen. Das Ergebnis zeigt sich meist erst nach einigen Wochen. Um den Katheter in die Vene einführen zu können, sind überdies kleine Schnitte unter örtlicher Betäubung notwendig. Aufgrund der starken Hitzeeinwirkungen kann es zudem in seltenen Fällen zu Verbrennungen kommen. Die ambulante Methode gilt besonders bei Krampfadern der Stammvenen als wirksam und vergleichsweise schonend, eignet sich aber nicht für geschlängelte Krampfadern wie Seitenastvarizen und muss in der Regel mit anderen Verfahren wie der Schaum-Sklerotherapie kombiniert werden. Auch die Besenreiser müssen meist in einer weiteren Sitzung mit der Sklerotherapie beseitigt werden.

 

Mythos: Die Behandlung von Krampfadern mit dem Kleber ist effektiver als die thermischen Behandlungen.

Fakt ist: Da das Verfahren noch jung ist, fehlen aussagekräftige Studien und Langzeitergebnisse.

Wie bei den thermischen Verfahren wird auch bei der Therapie mit dem Venenkleber ein Katheter in die Krampfader eingeführt. Statt Hitze wird jedoch ein spezieller Klebstoff, ähnlich dem Alleskleber, appliziert, um sie zu verschließen. Eine Narkose oder anschließende Kompressionsbehandlung ist meistens nicht notwendig, öfters wird jedoch während des Eingriffs eine Sedierung gegeben. Unklar ist, ob der Körper den Kleber abbaut. Nach neueren Studien verbleibt der Kleber nach einem Jahr immer noch in den Venen oder deren Umgebung und kann hier zu Entzündungen und Granulomen führen.[1] Da die Methode erst 2010 zugelassen wurde und zu den teuersten gehört, ist sie bis jetzt wenig verbreitet und erforscht. Vor allem Studien zu den Langzeitergebnissen und –folgen stehen noch aus.

 

Mythos: Die Sklerotherapie bietet sich nur bei kosmetisch störenden Besenreisern an.

Fakt ist: Mit dem bewährten Verfahren lassen sich Krampfadern jeder Größe und Form schmerzfrei und risikoarm behandeln.

Die Sklerotherapie ist ein umfassend erforschtes Verfahren zur ambulanten Behandlung aller Arten von Krampfadern. Mithilfe einer feinen Nadel spritzt der Arzt ein spezielles Arzneimittel (mit Polidocanol) in die betroffenen Venen, die daraufhin in den kommenden Wochen vom Körper um- und abgebaut werden. Die europäischen und deutschen Leitlinien empfehlen die Sklerotherapie mit flüssigem Sklerosierungsmittel bei Besenreisern und kleinen Krampfadern als Methode der Wahl, da mit ihr eine über 90-prozentige Besserung erzielt werden kann. Bei stärker ausgeprägten oder geschlängelten Krampfadern der Seitenäste und Stammvenen wiederum bietet die Schaumsklerotherapie eine gute Alternative zu den operativen sowie thermischen Verfahren – bei vergleichbar guten Ergebnissen.[2] Die Behandlung dauert meist nur 20 bis 30 Minuten, kommt ohne Schnitte, Narkose oder Betäubung aus und ist auch für ältere, übergewichtige oder gesundheitlich beeinträchtigte Patienten geeignet. Die Patienten können ihren Alltag sofort wie gewohnt fortsetzen, was nicht nur für berufstätige Patienten wichtig ist, die eine Krankschreibung vermeiden möchten.

 

Mythos: Es ist egal, welcher Arzt die Besenreiser und Krampfadern behandelt.

Fakt ist: Je fundierter die Ausbildung und Erfahrung, desto besser das Ergebnis.

Die erfolgreiche Behandlung von Besenreisern und Krampfadern setzt umfangreiche Kenntnisse des Venensystems, der zur Verfügung stehenden Therapieoptionen und natürlich viel Erfahrung voraus. Spezialisierte Venenfachärzte bzw. Phlebologen führen zunächst eine ausführliche Diagnose mittels moderner Ultraschalltechnik durch und erstellen dann einen individuellen Behandlungsplan. Wann immer möglich, bevorzugen sie wissenschaftlich gut untersuchte und patientenschonende Verfahren – allen voran die Sklerotherapie.

[1] Parsi K. et al. Cyanoacrylate closure for peripheral veins: Consensus document of the Australasian College of Phlebology. Phlebology. 2019 Aug 1:268355519864755. doi: 10.1177/0268355519864755. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0268355519864755

[2] Rabe E et al. (Fassung von 2018). Leitlinie Sklerosierungsbehandlung der Varikose (ICD 10: I83.0, I83.1, I83.2, I83.9). AWMF-Leitlinien-Register-Nr.: 037-015. Entwicklungsstufe: S2k.

Autor: Anja Beer